Charlie Browns Freund

 In Finnland

Hier muss man klingeln. Und warten. Eine Stimme meldet sich und fragt, wer man ist und wohin man möchte. Krankenhäuser – zumindest dies hier in Helsinki – sind nicht zu jeder Zeit für alle zugänglich. Doch ich möchte zu Charly Browns Freund.

Charlie Browns Freund

Vor der jeweiligen Station muss der Besucher erneut klingeln und sich vorstellen. Erst dann darf er ins Patientenzimmer. Zuvor natürlich die üblichen Desinfektionsmaßnahmen. Jeder Patient wird geduzt und mit Vornamen angesprochen. So wie überall das „Du“ gilt. Sei es beim Arzt, in der Bank oder bei Behörden. Wieviel vertrauter das klingt als Herr oder Frau Sowieso.

Auf der Station gibt es einen großzügig gestalteten Gemeinschaftsbereich, wie ein großes offenes Wohnzimmer: mit Tischen, Stühlen, Sofas, Küche, Fernseher, Klavier. Patienten bewegen sich selbständig mit Rollstühlen über die Flure.

Selbst Demenzkranke können so noch ein klein wenig Selbständigkeit und Freizügigkeit bewahren, so wie eine asiatisch anmutende Frau, die blind zu sein scheint, und sich mit dem Rollstuhl an den Wänden entlang fortbewegt. Freundlich reagieren die Krankenschwestern auf die Patienten und ihre Bedürfnisse.

Niemand trägt seine eigene Wäsche: Frauen haben rosa Schlafanzüge, Männer türkisfarbene. Dazu gibt es passende Hausschuhe. Viele Türen zu den Krankenzimmern stehen offen. Ich zähle acht Krankenschwestern für 15 Zimmer. An einem Sonntag. Ist das die Wochenendbesetzung?

Finnland Freunde: Charlie Brown…

Ich besuche einen 79-jährigen, der seit ein paar Wochen im Krankenhaus liegt. Keine Aussicht auf Heilung. Seine Augen sagen mir, dass er es auch weiß. Trotzdem spricht er davon, dass er zurück nach Hause möchte. Kann ich gut verstehen.

Ein Mann mit feingeschnittenen Gesichtszügen, warmherzigen, gütigen Augen und zarten, warmen Händen. Augen, die viel gelacht haben, das sieht man ihnen sofort an. Hände, die sich den schönen Künsten verschrieben hatten. Die Shakespeare genauso wie Linus mit der Kuscheldecke von den Peanuts gespielt haben. Hunderte Mal.

Einen alten Mann, den ich eigentlich kaum kenne. Den ich an seinem Geburtstag vor einigen Wochen das erste Mal gesehen hab. Und doch ist er mir nicht fremd. Und ich halte seine Hand.

Erinnerungen und Zeit

Ich habe das Gefühl, ich bin stellvertretend für meine Mama hier, die jahrelang seine beste Freundin war und er ihr bester Freund. Nach der Arbeit führte ihr Weg meist direkt zu ihm. Sie saßen in seiner Küche. Den letzten Bus erwischte sie nur im Laufschritt.

Das einzige, was ich tun kann, für ihn tun kann, ist meine Zeit zu verschenken. Verschenken an ihn. Dass die Tage im Krankenhaus nicht so unendlich lang sind. Und zäh – wie Honig an einem Löffel, der nicht abtropfen will, egal wie man ihn auch dreht und wendet. Ein bisschen Abwechslung im Einerlei zwischen Therapie, Tabletten und Essen, das auf Tabletts serviert wird und nach nichts schmeckt.

In einer Zeit, in der die Zeit oft rast und flüchtig erscheint, zur Mangelware wird, bin ich dankbar, Zeit verschenken zu können.

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NACHTRAG 12.11.2013: Heute morgen ist er gegangen.

Finnland Freunde: Himmel nach Sonnenuntergang (© Tarja Prüss)

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